082 Harold & Maude – Die Poesie eines Projektes

082 Harold & Maude – Die Poesie eines Projektes

082-04-Die-Beschattung-erfolgt-über-LamellenDer junge Wilde, Baujahr 2002, ist selbstbewusst und frech. Er umschmeichelt die alte Dame liebevoll, ohne sich vereinnahmen zu lassen. Er ist leicht, sportlich und ein zärtlicher Liebhaber.

Der Architekt glaubt an die Verbindung zwischen der alten Dame und dem jungen Wilden. Er traut die beiden mit einem halben Dutzend Trauzeugen und vielen Zaungästen.

Die Bauherrn, Baujahr 58 und 65 sind mutige Menschen mit kreativem Naturell. Sie lieben das Alte wie das Neue. Sie lieben die Geschichte der alten Dame und andererseits die Frische und Klarheit des jungen Körpers.

Die Bürgermeisterin will überzeugt werden, dass in dieser ungewöhnlichen Beziehung auch Chancen liegen. Ihre Angst, dass es mehr solcher anstößigen Beziehungen geben könnte, macht es ihr schwer, zuzustimmen.

Der örtliche Bausachverständige hat überhaupt kein Verständnis für die „anrüchige“ Beziehung zwischen Alt und Neu. Er plädiert für ein rasches Begräbnis der alten Dame.

Die Beziehung der alten Dame mit dem jungen Wilden tut beiden gut. Das Ergebnis ist ein energiesparendes, ökologisches, sonnendurchflutetes Haus im Ort. Das Alter wird mit Würde getragen, im Inneren weht ein frischer moderner Wind.

Klicken Sie hier, um zum “Making of” zu gelangen

Die Besonderheiten auf einem Blick:

  • Behutsame ökologische Sanierung des Bestands
  • Nachträglicher Einbau einer Komfortlüftung sorgt für beste Luft.
  • Geölte Vollholzböden und Lehmputz sorgen für schadstofffreies Raumklima
  • Respektvolle aber selbstbewusste Erweiterung zeigt Wege des Umgangs mit alter Bausubstanz

Architektur

Altbauten üben auf viele Menschen den unwiderstehlichen Reiz des Romantischen, Behaglichen, Urigen aus. Die Sanierung und Erweiterung des Jahrhundertwendehauses in Bisamberg konfrontiert den Betrachter genau mit solchen romantischen Vorstellungen, weil kein Ziegeldach, keine Dachgaupen und Zierelemente vorkommen. Vielmehr wurde formal ganz bewusst zwischen Alt und Neu unterschieden mit dem Anspruch, das Wertvolle zu schützen bzw. zu sanieren und das Neue selbstbewusst in Kontrast dazu zu stellen.

Wie erwartet bedurfte es eines längeren Diskussionsprozesses mit der Baubehörde, die aufgrund bestehender Ortsbildbestimmungen Holzfassade und Sonnenkollektoren verbieten wollte. Das Gebaute nimmt das Ergebnis dieser Diskussion vorweg, die Gemeinde nahm das Projekt als Anstoß, in Zukunft neuen Bauformen offener gegenüber zu treten. Interessanterweise gipfelte die Diskussion über Holz im Ortsbild in einem grünen Anstrich und über das Flachdach in einer Dachbegrünung.

Technik

Das Althaus wurde bis auf den straßenseitigen Südteil abgerissen, gegen aufsteigende Feuchte isoliert, außen gedämmt und innen mit Lehm verputzt. Der nordseitige Teil des Erdgeschoßes und das komplette Obergeschoß wurde in Holzmassivbauweise errichtet, auf Niedrigenergiestandard gedämmt und mit Holz verkleidet. Die Aufständerung der Sonnenkollektoren stellt eine spielerische Reminiszenz an die alte Dachform dar.

Beheizung und Warmwasserbereitung erfolgt mit teilsolarer Unterstützung einer Gas-Brennwerttherme und Wand- bzw. Bodenheizflächen. Das System der sanften Kühlung über Brunnenwasser gewährleistet auch im Sommer ein angenehmes Raumklima. Eine Komfortlüftung sorgt inkl. Ener-giebrunnen für stets gute Luft.

Ökologie

Besonders wichtig war es uns, mit natürlichen Materialien zu arbeiten. Der Bestand wurde mit einem Vollwärmeschutz aus Kork versehen. Innen wurde das alte Gemäuer mit Heraklith beplankt, mit Wandheizung versehen und mit Lehmputz verputzt.

Der Holzbau wurde außen mit Zellulose gedämmt, innen mit Gipsfaserplatten verkleidet. Es war das erklärte Ziel der Bauherrn, möglichst viel Flair der alten Dame zu retten. Deshalb wurden alle Fenster in geölter Lärche ausgeführt und im Wohnraum ein Urtonofen geplant. Auf einen Estrich wurde im Wohnraum verzichtet.

Spiritualität

Die Ästhetik und der spirituelle, emotionale Wert eines Althauses kann Motivation genug sein, gegen die Empfehlung der Baubehörde und gegen wirtschaftliche Überlegungen den Bestand zu erhalten und zu ergänzen. In diesem Fall führte die behutsame ökologische Sanierung zu einem neuen harmonischen Ganzen.

Daten

Wohnnutzfläche: alt 70 m², neu 145 m²
Außenwand Bestand: 8cm Korkdämmung außen, 45cm Vollziegelmauerwerk, 3,5cm
Magnesitgebundene Holzfaserplatten, 3,5cm Lehmputz innen. U = 0,33W/m²k
Außenwand neu: 1cm Gipsfaserplatten, 9,5cm Holzmassivwand, 14cm Zellulosedämmung, Hinterlüftung, Lärchenfassade, U = 0,25W/m²k
Fußboden EG: 14cm Zellulosedämmung, Staffeln, Massivholzboden Kirsche geölt.
Geschoßdecke: 1cm Gipsfaserplatte, 14cm Holzmassivdecke, 4cm Holz-Weichfaserplatten, Massivholzboden Kirsche geölt.
Flachdach: Dampfbremse, 24cm Zellulosedämmung, Hinterlüftung, bituminöse Dachabdichtung, Kies, U = 0,19W/m²k
Fenster, Türen: Rahmen Lärche massiv, Verglasung Ug = 1,1W/m²K, Uw = 1,3W/m²k
Baukosten: € 276 000 brutto schlüsselfertig inkl. Außenanlagen ohne Honorar
Beteiligte Fachleuchte

Planung und Örtliche Bauaufsicht: ATOS Architekten
Bauphysik: ATOS Architekten, DI Günter Wind
Baumeister: Fa. Kapabau, 1060 Wien
Zimmermann: Fa. Holzbau Weiz, 81818 St. Ruprecht
Spengler/Schwarzdecker: Fa. WIBA, 2103 Langenzersdorf
Bautischler: Fa. Hessl, 4284 Tragwein
Heizung/Sanitär: Fa. Lagerhaus, 2000 Stockerau
Elektro: Fa. Elektro Schuster, 2000 Stockerau
Schlosser/Stiege: Fa. Strehle, 2201 Gerasdorf

 

By :
Comments : 0

Ein Kommentar hinterlassen