2011/08 Baugruppe Maria Anzbach: Ein Konzept geht auf!

2011/08 Baugruppe Maria Anzbach: Ein Konzept geht auf!

Effiziente Planung kooperativer Bauprojekte am Beispiel CO-Housing Maria Anzbach

Umfangreiches Fotomaterial und weitere Informationen gibt es hier.

Co-Housing
beschreibt eine Wohnform, die einen hohen Grad an Kooperation zwischen den Bewohnern einer Wohnhausanlage oder einer Siedlung als Ziel formuliert. Natürlich bleiben die familiären Strukturen dabei unangetastet.
Ein zweiter wesentlicher Aspekt ist der hohe Grad an Selbstbestimmung hinsichtlich der Gestaltung, Qualität, Ausstattung, als auch der Infrastruktur und laufenden Betreuung der Wohnanlage. Meist wird versucht, einen individuellen Ausdruck der Gemeinschaft auch in der baulichen Darstellung zu finden. Diese Form der Selbstverwirklichung sollte von Architekten begleitet werden, die über die nötige Flexibilität und Erfahrung mit qualitätsvollem Bauen unter Berücksichtigung der Baukosten haben.

Beide Ziele – soziale Gemeinschaft und Selbstbestimmung – erfordern neben viel Engagement, Durchhaltevermögen und Aufgeschlossenheit auch besonders den achtsamen Umgang miteinander. Darunter versteht man die Fähigkeit, andere Meinungen zu akzeptieren, Gefühle von Urteilen trennen zu können, und Konsenslösungen zu suchen. Je mehr Zeit eine Bewohnergruppe in diesen achtsamen Umgang investiert, umso schneller und leichter können tragfähige Entscheidungen getroffen werden.

Die Gruppe
in unserem obigen Fall sieben Familien mit durchschnittlich zwei Kindern, sucht in einer meist individuellen Baustruktur sozialen Zusammenhalt und Gemeinschaft, die andere Wohnstrukturen oft nicht bieten. Das beginnt bei der gemeinsamen Planung, geht über Kinderbetreuung und gemeinschaftliches Handwerken und Gärtnern, Carsharing bis hin zur flexiblen Nutzung von Räumen.

Soziale Kompetenz ist also ein guter Pfeiler eines Co-Housing-Projektes. Je mehr Erfahrung die Beteiligten mit Methoden wie z. B. der „Gewaltfeien Kommunikation“ nach Marshall B. Rosenberg oder NLP haben, umso reibungsloser kann auch der Planungsprozess laufen. Beim betreffenden Co-Housing-Projekt in Maria Anzbach war diese Voraussetzung auch durch die hohe kommunikative Kompetenz der augenblicklich acht Gruppenmitglieder gegeben.

Auch bei einem Gemeinschaftsprojekt geht es darum, dass sich jeder Beteiligte über seine Ziele, Bedürfnisse, Wünsche und Möglichkeiten klar wird. Diese müssen nicht zu Beginn eines Planungsprozesses fest stehen, sondern entwickeln sich erst im Prozess des Planens. So war z. B. bei den Familien der Wunsch nach einer flexiblen Erweiterungsmöglichkeit aufgrund der unklaren zukünftigen Familien- und Berufssituation gegeben. Daher wurde im Rahmen der Workshops die Idee geboren, völlig eigenständige Einheiten mit 25 m² zu schaffen, die über eine eigene Sanitäreinheit und eigenen Eingang verfügen. Somit können diese als barrierefreie Gästeeinheit, als Wohneinheit für eine Betreuungsperson, für ein erwachsenes Kind oder als selbst genutztes oder vermietetes Büro genutzt werden.

Um den gemeinsamen Planungsprozess so effizient und überschaubar wie möglich zu gestalten, hat ATOS einen workshopartigen Ablauf für die Vorentwurfsphase entwickelt der sich für unsere Gruppe als nahezu optimal erwiesen hat.

Das Konzept
Vorgesehen waren halbtägige Zusammentreffen, die aufeinander aufbauend einzelnen Themen gewidmet sind. Zusätzlich gibt es Besprechungen mit den einzelnen Familien, um die individuellen Bedürfnisse besprechen zu können. Die Gruppenworkshops sollten im Abstand von etwa 14 Tagen stattfinden. Dieser kurze Abstand ermöglicht das rasche Vorankommen und vermeidet, dass das Besprochene wieder vergessen wird. Die kompakten Workshops erzeugen auch einen gewissen Zwang zur Klarheit. Entscheidungen, die die Gruppe untereinander zu klären hat, werden ausdrücklich ausgeklammert. Die Fokussierung der Workshops auf Themen verhindert auch, dass das Ziel des Workshops aus den Augen verloren wird. Die Zeit zwischen den Workshops wird von ATOS für die Erarbeitung der Grundlagen und Pläne, und von der Gruppe zur Auseinandersetzung mit dem Besprochenen genutzt. Die Struktur der Workshops sieht in etwa folgendermaßen aus:

Workshop 1: Zielformulierung, Grundlagen, Grundstück, Baurecht, Finanzrahmen
Workshop 2: Möglichkeiten der Bebauungsstruktur, Stärken/Schwächen-Analyse
Workshop 3: Festlegung der Bebauungsstruktur, Grundrisse
Workshop 4: Gebäudeform, Architektur, Oberflächen
Workshop 5: Bautechnik, Oberflächen, Gemeinschaftseinrichtungen
Workshop 6: Fragen zu Baubiologie, Ökologie, Behaglichkeit, Luftfeuchte etc.
Workshop 7: Freiraumgestaltung, Nutzungskonzept, Ideenskizzen
Workshop 8: Haustechnikkonzept, Kostenschätzung

Nach dieser intensiven Konzeptphase werden die Vorentwurfspläne fertig gestellt und mit einer Baubeschreibung versehen, so dass ein potentieller Generalunternehmer in der Lage ist, ein erstes Offert über das gesamte Projekt zu legen. Die Optimierung des Projektes erfolgt auf Basis der vorhandenen Richtofferte in zwei weiteren Workshops, nach denen das Anbot überarbeitet wird und das Vorentwurfskonzept abgeschlossen ist. Im Idealfall kann anschließend die baubehördliche Einreichung durchgeführt, das Projekt einem Generalunternehmer übergeben oder im Ausschreibungsverfahren der Bestbieter ermittelt werden.

Der Aufwand
Der zeitliche Aufwand dieses Planungsprozesses hängt natürlich von der Komplexität und Größe des Projektes ab. Zum Aufwand der Workshops von ca. fünf Stunden kommen mindestens 15 Stunden Planungszeit zwischen den Workshops. Bei insgesamt zehn Workshops ist von einem Mindestaufwand von 200 Stunden mit Sicherheit auszugehen. Der betreuende Architekt sollte aufgrund der Vorinformationen in der Lage sein, den zu erwartenden Aufwand grob abzuschätzen. Im Regelfall werden ein Haustechnik- sowie Freiraumplaner beizuziehen sein.

Die Vorteile
Was sind die Vorteile dieses Konzeptes der kooperativen Planung:

  • Planbarkeit des zeitlichen/finanziellen Aufwands sowohl für den Planer als auch die Gruppe
  • Klare Struktur für aufbauende Entscheidungen nach den notwendigen Prioritäten
  • Konzentration auf wenige Themen innerhalb eines Workshops
  • Transparenz des Planungsprozesses durch ständige Kommunikation der Ergebnisse

Private Gemeinschaftsprojekte erfordern vom betreuenden Architekten ebenso wie von der Gruppe ein hohes Maß an Flexibilität. Im Idealfall wird aber die kreative Entwicklung von Ideen von beiden Seiten als lustvoll und bereichernd erlebt.

Architekt DI Heinrich Schuller
ATOS Architekten

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