2012/01 Heinrich Schullers Neujahrsbrief 2012

2012/01 Heinrich Schullers Neujahrsbrief 2012

Liebe Freunde von Atos

Manche glauben ja, dass die langen Winternächte dazu führen, dass der Tag 25 Stunden oder mehr hat. Leider ist die Realität eine andere. Tageslicht zwischen 8 und 16 Uhr ist um ein Drittel weniger als im Sommer. Das macht müde und richtig winterschlafsüchtig.

Es ist mir ein großes Anliegen, mich bei allen, mit denen wir im abgelaufenen Jahr die Freude hatten, zusammen zu arbeiten, zu bedanken. Die Schnelligkeit, mit der heute kommuniziert wird, bringt es mit sich, dass oft nur das nötigste besprochen wird und das Persönliche zurück gestellt wird. Wir tauschen die wichtigsten Informationen aus und gehen wieder unserer Wege. Am Ende eines arbeitsreichen Jahres, früher einmal angeblich wirklich eine „besinnliche“ Vorweihnachtszeit, ist der Stress meist am größten.

Dem bemühe ich mich mit bewusster Entschleunigung entgegen zu wirken. Ich versuche in den Wochen vor Weihnachten aktiv auf die Bremse zu treten, um nicht mit vollem geistigem Turbo in die Feiertage zu crashen. Dieses Jahr endet für meine Familie aufgrund des langen Krankenstandes meiner Frau Carola ungewöhnlich. Zugleich Chef, Chauffeur, Nachhilfelehrer, Vater, Koch, Hausmann, Putzfrau und Partner zu sein, ist eine ganz neue Herausforderung, die mich zwang Prioritäten zu setzen. Zu dieser Priorität gehörte auch, diesen Brief erst zu schreiben, wenn ich die nötige Ruhe gefunden habe. Nun ist es also kein Weihnachtsbrief sondern ein Neujahrsbrief geworden.

ATOS konnte dieses Jahr wieder viele schöne Projekte beginnen und abschließen. Allen gemeinsam ist, daß wir immer den persönlichen Kontakt bevorzugen, lieber mit Menschen arbeiten statt mit Organisationen, uns lieber mit Bedürfnissen und Möglichkeiten auseinandersetzen statt mit Regeln und Gesetzen. Mich macht es oft unrund, wenn ich aus der Politik höre, was nicht alles getan werden sollte, um den drohenden Klimawandel zu verhindern, aber tatsächlich wenig geschieht. Es macht mich froh und stolz, mit der Hilfe vieler Partner aus der Wirtschaft und überzeugten Bauherrn konkrete und nachvollziehbare Schritte in Richtung ökologischer Nachhaltigkeit setzen zu können.

Das Umbauprojekt der Familie Menschel wurde dieses Jahr mit dem ETHOUSE-Award für vorbildhafte Sanierungen, vergeben vom Qualitätsverband Wärmedämmverbundsysteme belohnt. Architekt Treberspurg, der Vorsitzende der Jury sprach mir bei der Preisverleihung aus der Seele, als er betonte, daß dieses Haus der Beweis ist, daß ein saniertes Haus manchmal besser sein kann, als ein neu gebautes! Nun ist das Haus fast fertig, und es fasziniert mich, was aus diesem häßlichen Ding geworden ist.

Fertig ist mittlerweile unser zweites Strohballenprojekt – Haus Treitl in Rabenstein, von dem es ein Zeitraffervideo und ein umfangreiches Bautagebuch unter www.strohaus.at zu sehen gibt. Auf knappen 75m² Wohnfläche konnte alles untergebracht werden, was ein Zweipersonenhaushalt so braucht, ohne ein Gefühl der Enge aufkommen zu lassen. Die Technik funktioniert perfekt und braucht lediglich eine 0,6 x 2m große Nische im Zentrum des Hauses, was den Besitzer zu einem enthusiastischen Dankesschreiben veranlasste.

Weit vorangeschritten ist das Passivhaus der Familie Schreiber-Lechner in Poysdorf. Es ist uns dort wieder gelungen, ein Passivhaus zu planen, das keine Schachtel mit geschlossener Nordseite ist, sondern auf die konkrete Situation angemessen reagiert. Besonders hervorzuheben ist das Engagement von Frau Schreiber und Herrn Lechner, die es geschafft haben, die Baustelle selbst zu organisieren. Wer so etwas schon versucht hat, weiß wie nervenaufreibend und zeitaufwendig das ist.

Auch das Nullenergiehaus Stagel in Langenzersdorf geht zügig seiner Vollendung entgegen. Mitte Juni kamen die ersten Wandelemente. Nun ist alles ausgemalen und der Einzug steht bevor. Neu war hier der Einsatz von Tageslichtlamellen der Fa. Valetta zur Beschattung, welche zwar teuer aber auch sehr praktisch sind.

Die Baustelle des Kleingartenhauses Rauter am Hackenberg wird ebenfalls von der Bauherrin selbst betreut, was naturgemäß nicht sehr einfach ist. Früher Wintereinbruch, mediale Querschüsse einer kleinformatigen Tageszeitung und behördliche Überprüfungen während der Bauphase konnten dem Bauvorhaben aber nichts anhaben.

Begonnen haben wir mit einigen Sanierungsprojekten wie dem Haus Spash in 1210 Wien, dem Haus Bauer-Zucha in 1140 Wien, dem Haus Wohlmuth im Weinviertel sowie dem Haus Ressl in 1190 Wien. Letzteres stellt wieder eine Besonderheit dar, ist es doch erst 10 Jahre alt. Aufgrund seines sehr hohen Glasanteils und der schlechten Wärmedämmung ist das Haus weder im Sommer noch im Winter behaglich. Man sieht hier, daß Hochglanzarchitektur und klingende Architektennamen kein Garant für gute Architektur sind, wenn es am ganzheitlichen Zugang fehlt.

Ganz besonders große Freude macht uns die Arbeit an dem Co-Housing-Projekt Maria Anzbach, welches kurz vor der Einreichung steht. Die Gruppe von 4 Familien ist sehr konstruktiv innerhalb eines halben Jahres mit uns durch einen Entwurfsprozess gegangen, an dessen Ende ein maßgeschneidertes Gebäude steht. Durch hohen Eigenleistungsanteil und intelligente Details konnte die gewünschte ökologische und energetische Qualität erhalten werden. Wer Interesse an einer kleinen feinen Siedlungsgemeinschaft vor den Toren Wiens hat, kann sich bei uns melden. 2 Häuser sind noch zu vergeben.

Gegenüber den letzten Jahren ist der Faktor Eigenleistung und Sanierung wieder stärker in den Vordergrund getreten. Auch wenn die Kosten eines Sanierungsprojektes nicht wesentlich unter denen eines Neubaus liegen, ist es doch oft sinnvoll eine bestehende Struktur zu übernehmen. Ein in dieser Hinsicht außergewönliches Projekt betreuen wir nun in Oberösterreich. Ein nicht mehr benötigter Futtersilo mit 7m Durchmesser und 12m Höhe auf dem Gelände des Golfplatzes über den Dächern von Passau soll zu interessanten, weil runden Gästezimmern mit einem Penthouse in Form eines Golfballs umgebaut werden. Wir werden weiter darüber berichten.

Vermehrt werden wir auch versuchen, Erkenntnisse und Details unserer Projekte auf der Homepage und auf unserer Facebook-Seite zu berichten, damit alle Interessierten davon profitieren können.

„EIN GEBÄUDE IST EIN SICHTBARER, KONKRETER AUSDRUCK EINER SOZIALEN GRUPPE ODER INSTITUTION“. Diesen Satz schreibt Christopher Alexander in seiner Pattern Language aus dem Jahr 1977, meines Erachtens eines der wichtigsten Bücher über Architektur, die je geschrieben wurden und ein steter Quell an Inspiration für mich.

Der Umgang einer Gesellschaft mit ihren ärmsten Mitgliedern ist konkreter Ausdruck einer Haltung gegenüber Menschen und in der aktuellen Situation Österreichs für mich ein steter Quell von Unbehagen. Das hiermit gesagt zu haben, ist mir ein persönliches Anliegen gewesen.

In diesem Sinne wünsche ich allen ein glückliches Jahr 2012!
Heinrich Schuller

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