246 STROH.SOL.SAN

246 STROH.SOL.SAN

246-Foto-02„Wir möchten einen Platz zum Wohlfühlen für unsere Familie schaffen und denken, dass wir mit Kreativität eine sehr gute Qualität erreichen können. Die Substanz soll soweit wie möglich genutzt und die Chancen dieses Platzes aufgegriffen werden. Mit eigenem Stroh, heimi-schem Holz, Lehm und der Kraft der Sonne möchten wir ein Beispiel für nachhaltig ökologi-sches Bauen geben.“

ARCHITEKTUR
Was macht man mit einem alten Stallgebäude, das über die Jahre zu einem Wohnhaus aus-gebaut wurde, und nun von einer Familie mit drei Kindern zu einem neuen Refugium erweitert werden soll? Die Bausubstanz scheint in Ordnung zu sein, eine Horizontalisolierung ist vor-handen, die Fundierung unbekannt. Der Bestand, teilweise im Hang, soll möglichst wenig verändert werden, allerdings mit neuen Fenstern und einer Wärmedämmung der Wände zumindest Niedrigenergiestandard erreichen.

An Stelle des Satteldachs soll eine Aufstockung in Passivhausqualität eine komplette Wohneinheit schaffen. Ein unbeheiztes Stiegenhaus dient als Windfang, Verbindung aller Ebenen und Vorraum. Nordseitig liegt der Hauptzugang auf halber Höhe zwischen EG und OG. Es entsteht ein geschützter Patio auf Straßenniveau, von dem der bestehende Erdkeller als auch die bestehende Garage eben betreten werden können.

Da die zu Verfügung stehende Grundfläche von 115m² für die fünfköpfige Familie zu klein war, wurde nach einer Lösung gesucht, die Wohnfläche zu erweitern. Durch Nutzung des Dachraumes unter dem geplanten Steildach entsteht nun mit der Galeriefläche eine Wohn-nutzfläche von 152m² im OG. Das bestehende Erdgeschoss verfügt über 102m² zuzüglich dem Windfang mit einer Fläche von ca. 18m².

Die Anordnung der Räume richtet sich nach der Nutzung. Kinderzimmer südorientiert, der Elternschlafraum südwestorientiert, da dieser wahrscheinlich irgendwann zu einem Wohn-raum wird, Essplatz mit Ausblick nach fast allen Richtungen, Bad auf der Ostseite. Die Gale-rie, welche von Ost und West belichtet und zusätzlich über ein elektrisch öffenbares Dachflä-chenfenster verfügt, ist somit gut durchlüftet und als Erweiterung des Kinderbereichs sehr gut nutzbar.

Die Dachform ist ungewöhnlich aber logisch. Die südorientierte Dachfläche mit 25° Neigung bietet ausreichend Platz für die Fotovoltaikanlage. Der große Dachüberstand schützt vor der Sonne. Die 65° steile Norddachfläche ermöglicht den Blick auf die Kapelle über das Flach-dach hinweg. Somit sind traditionelle Formen wie gewünscht vorhanden und auf sehr öko-nomische Weise zu einem modernen Gesamtkonzept gefügt. Auf allen vier Seiten des Hau-ses gibt es Ausgänge, die Hauptterrasse mit einer Pergola versehen auf der Westseite.

KONSTRUKTION
Die Aufstockung erfolgt aus statischen Gründen in Holzständerbauweise mit 36cm Dämm-stärke. Die Außenwände werden raumseitig mit aussteifenden OSB-Platten verkleidet, die als Dampfbremse auch die Luftdichtheit sicherstellen. Eine Weichfaserputzträgerplatte dient als Installationsebene und Putzträger. Außen dient die Beplankung mit einer hydrophobierten Unterdachplatte als Träger für den Vollwärmeschutz aus 4cm Weichfaserplatte mit Silikat-putz. Das Ziegelmauerwerk des Bestands wird mit 18cm Holzstaffeln aufgedoppelt, mit Stroh ausgedämmt und ebenfalls verputzt.
Die Dachkonstruktion ruht auf den tragenden Ziegelwänden des Erdgeschosses und wird ebenfalls mit 36cm Strohballen gedämmt. Die 12cm hohe Hinterlüftungslattung ermöglicht die wärmebrückenfreie Herstellung eines schützenden Dachüberstandes.

Die Strohballen aus der eigenen Gemeinde wurden bei der Pressung durch die „GRAT – Gruppe angepasste Technologie“ zertifiziert. Der Einbau erfolgt unter Anleitung von Herbert Gruber vom „asbn – austrian strawbale network“ im Rahmen eines Workshops. Die etwa 12 Helfer schaffen es, das ganze Haus innerhalb eines Tages zu dämmen. Die Dachflächen wurden bereits vorab von den Zimmerleuten mit Strohballen gedämmt, so dass die Holz-wände bequem witterungsgeschützt von innen gefüllt werden konnten. Für die Füllung der vorgesetzten Ständerkonstruktion des Erdgeschosses wurden die 60cm breiten Unterdach-platten liegend von unten nach oben montiert und das Stroh sukzessive von oben eingestopft. Interessant war, das weder die Baubehörde noch die Förderstelle einen Nachweis der Zerti-fizierung verlangte.

Um diverse Stallgerüche und Substanzen zu entfernen, musste der komplette Innenputz an Wänden und Decken abgeschlagen werden, was ein unvohergesehener Aufwand war. Mit einer Sandstrahlung der Kappendecke wurde aber ein wunderbarer Effekt erzielt, da nun die Ziegel sichtbar sind.

Im Obergeschoss wurden alle Wände, Decken und Dachflächen mit einem Lehmdünnputz auf Weichfaserplatten versehen. Aufgrund eines Produktionsfehlers der Weichfaserplatten, musste der Lehmdünnputz statt mit 6mm mit 10-12mm Dicke ausgeführt werden. Als nicht tragende Zwischenwände wurden Strohwandelemente der Marke STRAWTEC eingesetzt, die sich aber leider nicht bewährt haben. Nach Anleitung des Herstellers wurden die 6cm starken raumhohen Wandelemente, bestehend aus gepresstem Strohhäcksel und einer Kar-tonbeschichtung einschalig aufgestellt. Da im rohen Zustand die Durchbiegung der Platten viel zu groß war, wurde eine Testwand beidseitig mit armiertem Lehmputz versehen. Nach-dem die ausreichende Steifigkeit festgestellt wurde, konnten alle Innenwände verputzt wer-den. Leider führte die hohe Feuchtigkeit während der Putzarbeiten im Dezember zu Auflö-sung bzw. starken Durchbiegungen der Platten und teilweise komplettem Abfallen des Put-zes. Der notwendige Abbruch der Wände und die Neuherstellung als Ständerwände verur-sachte eine Verzögerung von etwa einem halben Jahr. Der Hersteller wies leider jegliche Verantwortung von sich, weshalb die vorhandene Bauschadensversicherung schlagend wurde.

Die Bauherren dieses Projektes wurden 2013 von Radio Niederösterreich interviewt. zum Interview geht es hier.

BAUTEILE
AW01 Außenwand EG Putz U = 0,18 W/m²k
35cm Vollziegelwand verputzt, 20cm Staffelkonstr. dazw. Stroh, 2cm diff.offene Unterdach-platte, 4cm Weichfaserplatte, 1cm Endbeschichtung

AW04 Außenwand EG erdberührt U = 0,22 W/m²k
35cm Vollziegelwand verputzt, 1cm Feuchtigkeitsabdichtung, 15cm XPS-Platten

AW02 Außenwand OG U = 0,10 W/m²k
0,5cm Lehmdünnputz, 4cm Weichfaserplatten, 2cm OSB-Platte, 37cm Thermoriegel dazw. Stroh, 2cm diff.offene Unterdachplatte, 4cm Weichfaserplatte, 1cm Endbeschichtung

AW03 Außenwand Windfang
0,5cm Lehmdünnputz, 4cm Weichfaserplatten, 1,5cm OSB-Platte, 16cm Riegelkonstr. dazw. Stroh, 2cm diff.offene Unterdachplatte, 3cm Hinterlüftung, 2cm Lärchenschalung horizontal

IW02 Zwischenwand tragend
1,5cm GKF-Platte, 2cm OSB-Platte, 12cm Riegel dazw. Hanf, 1,5cm GKF-Platte

IW03 Zwischenwand nicht tragend
0,5cm Lehmdünnputz, 6cm Strawtec-Wandelement einschalig, 4cm Weichfaserplatte, 0,5cm Lehmdünnputz (abgebrochen wegen Durchbiegungen und ersetzt durch Ständerwand)

SD01 Steildach OG U = 0,11 W/m²k
2cm Ziegeldeckung, 3cm Lattung, 12cm Konterlattung, 2cm diff. offene Unterdachplatte, 37cm Sparren dazw. Stroh, 2cm OSB-Platte luftdicht, 4cm Weichfaserplatte, 0,5cm Lehm-dünnputz

FD01 Flachdach OG U = 0,09 W/m²k
5cm Kies, 0,5cm EPDM-Abdichtung, 2,5cm OSB-Platte, 12cm Konterlattung, Unterdachfolie, 2cm diff. offene Unterdachplatte, 37-45cm Deckenbalken dazw. Stroh, 2cm OSB-Platte luft-dicht, 4cm Weichfaserplatte, 0,5cm Lehmdünnputz

ENERGIE
Mit den eingebauten Passivhausfenstern wird der Bestand auf eine Energiekennzahl von 62kWh/m²a nach OIB verbessert. Einzige Schwachstelle ist der Estrich auf dem erdberührten Fußboden, welcher aus Kostengründen nicht verändert werden sollte. Wesentliche Vo-raussetzung für den Einsatz von Stroh als Dämmung des Bestandsmauerwerks war die of-fensichtliche Funktionstüchtigkeit der Horizontalisolierung. Es gab keinerlei sichtbare Feuch-teschäden durch aufsteigende Feuchte.

Das Dachgeschoss in Passivhausqualität erreicht eine Energiekennzahl von 10 kWh/m²a nach OIB. Das im Ort vorhandene Hackschnitzel-Fernwärmewerk versorgt das Haus in der Heizsaison mit Heizwärme und Warmwasser. Im Sommer sorgt ein elektrischer Heizstab für warmes Wasser. Eine dachintegrierte Fotovoltaikanlage mit einer Leistung von 5kWp liefert einen Großteil des Strombedarfs. Die Komfortlüftungsanlage mit Wärmerückgewinnung sorgt permanent für saubere, frische Luft ohne Wärmeverlust. Ein Solewärmetauscher nutzt die Erdwärme für die Temperierung der Frischluft.

Im Bestand werden die vorhandenen Radiatoren weiter genutzt. Im Obergeschoss kommen neue Radiatoren bzw. eine Wandheizung beim Essplatz zum Einsatz. Die Bauherrn überlegen sogar, die Radiatoren im Obergeschoss vorläufig nicht zu montieren, überzeugt dass das Haus ohne Heizkörper auskommt.

ÖKOLOGIE
Ein Haus in dem gelebt wird, sollte so gesund wie möglich sein. Materialien, die permanent Giftstoffe abgeben, haben hier nichts verloren. Im Idealfall können Putze, Farben, Bodenbe-läge, Fensterrahmen, Möbel etc. Gerüche, Feuchtigkeit etc. absorbieren und später wieder abgeben. Materialien, die zu einer statischen Aufladung führen sollten vermieden werden. Eine kontrollierte Wohnraumlüftung sorgt für saubere Luft und geringe allergene Belastung.

Holzbauweisen zeichnen sich durch die leichte Zerlegbarkeit und somit gute Wiederver-wendbarkeit der Bauteile aus. Die Lebensdauer von Holzbauteilen ist aufgrund der hohen Qualität der Ausführung heute mit Sicherheit ebenso lang wie Massivbauten. Grundlegend für eine nachhaltige Gebäudequalität sind Luftdichtheit, Diffusionsoffenheit und Wärmebrü-ckenfreiheit.
Der Primärenergieeinsatz für den Bau eines Holzhauses ist wesentlich geringer als der eines Massivhauses, was einen wichtigen Beitrag zur Reduktion der Umweltbelastung darstellt. Lokal verfügbare Materialien wie Stroh und Lehm reduzieren den ökologischen Fußabdruck des Hauses.

SPIRITUALITÄT
Man steht geradezu auf der Geschichte, genauer auf einem Haus mit einer langen Geschich-te. Das gibt ein gutes Gefühl der Verbundenheit und Kontinuität. Gleichzeitig symbolisiert das neue Haus die Zukunft. Es birgt einerseits, andererseits öffnet es zur Natur und zur Sonne und zu den Menschen.

Architekt DI Heinrich Schuller

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